Dominique Thommy-Kneschaurek in DAS BLATT Nr. 12, 3. Jahrgang November/Dezember 1993 DER TEUFELHOF BASEL

Petr Hrbeks Farbenmeere

Ab Mitte November zeigen wir in der Weinstube und im Unteren Theater Arbeiten des in Stuttgart lebenden Künstlers Petr Hrbek. Bei der ersten Gestaltung der Kunstzimmer in unserem Hotel im Jahre 1989 hat er einen Raum gestaltet. Nicht nur diese Arbeit, sondern auch die Begegnung mit Petr Hrbek haben Spuren hinterlassen.

Mit großer Freude erinnere ich mich an die erste Begegnung mit Petr Hrbek. Wenn ich mich bei unserer Kunstzimmergestaltung auf eine längere Bekanntschaft mit einzelnen Künstlerinnen und Künstlern stützen konnte, so kannte ich Petr Hrbek und seine Arbeiten anfänglich nur von einem Artikel aus der Kunstzeitschrift ART. Die dort gezeigten Arbeiten faszinierten mich dermaßen, dass ich von Petr Hrbek unbedingt ein Zimmer gestaltet haben wollte. Von der Vitalität seiner Arbeiten ausgehend, erwartete ich einen dynamischen und selbstbewussten Künstler.

Als ich mühsam seine Adresse und Telefonnummer herausgefunden hatte, startete ich meinen ersten Versuch, ihn telefonisch zu erreichen. Noch heute verspüre ich das Gefühl, das mich damals am Anfang des Gesprächs beschlich: das Gefühl, einen einsamen Monolog zu halten. Ich erklärte lang und breit, dass wir mit dem Kunsthotel versuchen wollten, raumgreifende Kunst wirklich erlebbar zu machen. Ich versuchte darzulegen, wie wichtig es uns scheine, dass für diese Kunstform neue Vermittlungsmöglichkeiten gefunden würden. Von der anderen Seite der Telefonleitung war nur ein regelmäßiges Schnaufen zu hören. Mein Repertoire ging langsam zu Ende. Trotz all meinen Begeisterungsversuchen bekam ich nicht den Eindruck, dass mein Gesprächspartner unsere Idee gut finden würde. So begann ich aufzuzählen, wer alle schon zugesagt habe. Auf der anderen Seite wurde es noch stiller. Nun hatte ich all mein Pulver verschossen. Da kam die schüchterne Frage: „Und Sie glauben wirklich, dass ich als junger, unbekannter Künstler da mithalten könnte?“

Mein Weltbild war erschüttert. Wie konnte sich ein Künstler so vitaler Arbeiten so zurückhaltend über seinen eigenen Stellenwert äußern? Es stellte sich nämlich heraus, dass seine Zurückhaltung am Telefon nicht auf Distanziertheit oder Überheblichkeit zurückzuführen war, sondern dass er einfach überrascht war, dass jemand aufgrund einiger Abbildungen so begeistert war, dass er von ihm einen Raum gestaltet haben wollte.

Dann kam es zu unserer ersten Begegnung. Nach meinem innerlich nun korrigierten Bild erwartete ich nicht mehr einen kraftstrotzenden Herkules, sondern einen hochsensiblen Seelenmenschen. Als Petr Hrbek dann endlich vor mit stand, entdeckte ich in ihm einen äußerst imponierenden Riesen mit der feinfühligen Seele einer Elfe. Dass aus dieser Begegnung mehr als nur eine oberflächliche Bekanntschaft wurde, macht es mir schwer, hier über seine Arbeit zu schreiben. So möchte ich lieber Ruth Händler zitieren, die über Petr Hrbek in einem Katalog unter dem Titel „Ruhm der Räume“ unter anderem schrieb:

„Fast ist es wie im richtigen Leben: Höhenflüge und Tiefpunkte, Klarheit und Nebel, Hitze und Kälte, Bewegung und Starre, Chaos und System begegnen einander in den Pinselstrichen von Petr Hrbek, die vom Nichts zum Alles streben und vom Einen, Begrenzten zur Endlosigkeit der Unzähligen. Fast wäre es wie im richtigen Leben: wenn das Leben jeden Pinselstrich-Moment mit solcher Intensität auszukosten wäre – ohne Einschränkungen, ohne Alltagsregeln, ohne Entscheidungsmuster, ohne Wertungen. So aber triumphiert die Malerei, indem sie der vitalen Existenz der Gegensätze Geltung verschafft und die explosive Spannung feiert, die aus der Konfrontation erwächst. (…)
Hrbek ist kein wilder Ausdrucksmaler, der in seinen Kompositionen auf ungestüme, überwältigende Effekte spekuliert und dabei Pinsel und Farbe als Mittel zum Zweck benutzt. Er ist vielmehr ein wacher Beobachter, der jedem Pinselstrich die ihm eigene Lebendigkeit lässt und ihm im dichten Geflecht der Mitstreiter zur größtmöglichen Existenzsteigerung treibt. Die Lebenskämpfe und Überlebenskämpfe der Farbstriche erschaffen eine eigenartige, sehr konkrete Welt voller Irritationen und Zaubermomente (…)
Für den Vollblutmaler Petr Hrbek ist das Bildermachen ‚nichts anderes als Bewegung’, eine besonders konzentrierte Auseinandersetzung mit der Existenz (…).“

Dominique Thommy-Kneschaurek

in der Ausgabe DAS BLATT, Nr. 12, November/Dezember 1993
DER TEUFELHOF BASEL
Das Kultur- und Gasthaus, Basel