Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde, liebe Monika, lieber Petr!
Ohne zu überlegen, habe ich mich verführen lassen, heute bei Petr Hrbeks Eröffnung zu sprechen. Sie müssen wissen, dass ich laut Urteil eines Fachmannes, er ist Rhetoriker, über Kunst nur Schrott von mir geben kann. Dieser Fachmann, ein Freund, sprach bei meiner letzten Ausstellung. Zuvor versuchte ich ihm langatmig meine Arbeiten zu umschreiben, aber meine Auslassungen erschienen seinem logisch denkenden Theoretikergehirn sehr ungereimt. Künstler ärgern sich oft über diese Art von Wissenschaftlern, weil diese sich zuwenig auf die Zweideutigkeit von Kunst einlassen und wie Bürokraten alles eindeutig und gradlinig wissen wollen. Auf der anderen Seite, so erscheint es mir, sehen die von Berufs wegen über Kunst sprechenden Sachverwalter sich in der Rolle des Erwachsenen, die dem naiv brabbelnd schaffendem Künstler erst erklären müssen, was er eigentlich tut. Meinetwegen sind wir, Petr und ich, also unwissende Kinder und die Kunst soll wie wir sie verstehen keineswegs logisch und in Begriffe fassbar sein, sondern widersprüchlich, voller Konflikte und im Letzten nicht erklärbar.
Unsere Aufgabe ist eigentlich nicht das Reden, sondern das Malen. Wenn Malerei in Worten ausdrückbar wäre, hätten wir Maler keine Existenzberechtigung. Aus Freundschaft zu Petr versuche ich trotzdem, jetzt ein wenig verständlichen Schrott über ihn und seine Bilder von mir zu geben. Wenn ich Falsches sage, kann er mich korrigieren.
Keinesfalls will ich für Sie die hier hängenden Bilder deuten. Sie sind aufgefordert, dies für sich selbst zu tun.
Petr Hrbek wurde 1955 in Königinhof in der CSSR geboren. 1969 übersiedelte er mit seinen Eltern in die BRD. In Schwäbisch Nazareth, ich meine Schwäbisch Gmünd, lernte er die deutsche Sprache und das „Schwabenländle“ gleich richtig kennen. Zu dieser Zeit spielte er aktiv Basketball, sogar in einer Oberliga, und wollte vor allem ein Basketball-As werden.
Diese Übung im Springen, um einen Korb zu werfen, kam ihm beim Malen des großen Bildes an der Wand hinter mir zustatten, denn um die oberen Bildteile zu erreichen, musste er springen.
Auf der Suche nach einem Brotberuf besuchte er kurz die Handelsschule, wo er einen tüchtigen Schrecken eingejagt bekam. Schließlich entschied er sich für die Kunst. Fleißig hat er sie studiert, von 1971 bis 1973 an der Freien Kunstschule in Stuttgart bei Herrn Neisser und dann von 1973 bis 1979 an der Kunstakademie Stuttgart bei Professor Mansen. Seit dieser Zeit lebt er vogelfrei als Künstler in Stuttgart in seinem Atelier, das sehr an Darstellungen von Spitzweg erinnert. Es ist mehr eine Höhle als ein Atelier.
Er gibt es nicht gerne preis: aber während der Studienjahre hat er sich intensiv mit der Tradition auseinandergesetzt und die Malerei seit der Renaissance bis heute ist ihm gegenwärtig. Besonders die Surrealisten wurden ihm bleibende Eindrücke. Er müssen noch Francis Bacon, Graham Sutherland und vor allem William Turner und James Ensor genannt werden. Über diese Maler fand er seinen Weg und nicht über das Informel, wie man annehmen möchte. Mag man seine Malerei auch informelle Malerei nennen, so ist er von der Auffassung der fünfziger Jahre doch sehr weit entfernt. Zurecht ärgert er sich, wenn er, wie schon geschehen, als verwandt mit der grausam gesuchten Abstraktion der Ecole de Paris vor dreißig Jahren gesehen wird. Dieses unverbindliche Spiel mit Farben hasst er, hassen wir beide zurecht.
Meistens wird er gefragt, was denn seine Malerei darstellt, was er sich denkt. Die Titel, es sind seine privaten Titel, die er seinen Bildern gibt, tun ein Übriges, um den Betrachter zu verwirren. Sicher ist, dass Petr keine gegenstandslosen Bilder in dem Sinne malt, dass er die uns vertraute sichtbare Welt auf Zeichen und Strukturen reduziert. Auch hat er kein theoretisches Konzept, keine ästhetische Theorie, die seine Arbeit in feste Bahnen lenkt. Seine Malerei bildet nichts ab, stellt nichts dar. Sie ist eine Welt für sich und gesellt sich als lebendiges Ding zu den Dingen der Welt, die dem Künstler sein Material gibt.
Dass die Art und Weise, wie wir unsere Umgebung sehen, nur eine konventionelle Beschreibung ist, auf die wir uns geeinigt haben und wir nicht wirklich wissen, wie die Welt aussieht, das ist nur eine Erkenntnis des Verstandes, die ohne Folgen bleibt. Aber es gibt eine Erkenntnis im Gefühl, im Herz, im Bauch, die wie ein Schock wirken kann und blitzartig erhellt, dass jenseits unserer alltäglichen Sicht der Dinge ungeahnte, nicht denkbare Welten liegen.
Jeder ernsthafte Künstler, es gibt leider zu wenige, arbeitet daran, seine Wahrnehmung, seine Kenntnis von der Welt zu erweitern und ein gesteigertes Lebensgefühl zu erreichen, das ihm erlaubt, noch unbekannte Regionen aufzusuchen. Dieser Weg, ständig die persönlichen Grenzen der Wahrnehmung zu überschreiten, ist voller Risiken und natürlich Niederlagen. Ich glaube, dass Petr versucht, ihn ehrlich zu gehen. Nie weiß er, was ihm blüht, wie seine Malerei demnächst aussehen wird.
Ich weiß noch, wie überrascht, ja konsterniert seine Freunde waren, als seine Malerei nicht mehr die des ihnen vertrauen Petrs aus der Klasse Mansen an der Akademie war. Sprünge werden einem Künstler oft übelgenommen, auch das sachverständige Publikum lässt nicht gerne seine Sehgewohnheiten über den Haufen werfen. Aber Petr und ich lieben mehr die fröhlich springenden Frösche als die langweiligen Kriechtiere.
Petr ist der tiefsten Überzeugung, dass die Welt um ihn herum geheimnisvoll, nicht ausschöpfbar und im letzten nie erklärbar ist.
Ich kann Sie nur auffordern, seiner Sicht der Welt zu folgen. Die Erklärung ist einfach und besagt im Grunde nichts. Er sieht was er malt, er malt was er sieht. Treten Sie diesen Bildern gegenüber, sprechen Sie mit ihnen. Aber diese Sprache zu verstehen, kostet freilich Anstrengung und es ist nicht unbedingt ein Fehler des Künstlers, wenn seine Malerei für Sie stumm bleibt.
Einen Hinweis kann ich geben. Versuchen Sie die jedem Bild innewohnende malerische Logik zu erkennen. Diese malerische Logik gibt es natürlich auch. Sie können in den Bildern spazierengehen, den einzelnen Farbabläufen folgen, bis sich das Bild zu etwas Ganzem zusammenschließt.
Bevor ich mich jetzt selbst verschrotte, möchte ich noch Monika danken für ihren Mut, diese Ausstellung so radikal zu ermöglichen. Petr hat in der Woche vor der Eröffnung in der Galerie gelebt und gearbeitet. Dabei ist dieses große Bild entstanden. Monika und Petr wussten nicht, was dabei herauskommen würde. Monika hat dieses große Risiko als Galeristin gern auf sich genommen. Ich möchte dies besonders hervorheben, weil es im Kunstbetrieb zwar jede Menge großer Worte gibt, aber Kleinheit und Verzagtheit vorherrschen. Welche Galerie schenkt einem Künstler schon so viel Vertrauen und Freiheit.
Friedrich Weßbecher
10. Oktober 1980